Werkstattbericht zum "Herrscher der Tiefe"

Mit freundlicher Genehmigung von Jenny Florstedt und Martin Schulz gibt es hier meinen Werkstattbericht, den ich für die Zeitung "Karl May in Leipzig" geschrieben habe und eine Leseprobe aus "Der Herrscher der Tiefe" - zuerst als original Seiten der Zeitung und den Werkstattbericht zur besseren Lesbarkeit anschließend als Text. Viel Vergnügen!











Werkstattbericht

zu „Der Herrscher der Tiefe“aus „Karl Mays magischer Orient“



Liebe Jenny, du hattest mich gebeten, deinen Lesern etwas aus der Werkstatt unseres „Magischen Orients“ zu verraten; speziell über die Entstehung des Karl-May-Jules-Verne-Crossovers „Der Herrscher der Tiefe“ und meine Mitarbeit an dem Projekt. Das möchte ich gern tun.
Passenderweise bin ich in der Nähe von Hohenstein-Ernstthal – der Geburtsstadt von Karl May – geboren und aufgewachsen. Meine Oma hat sogar nur 200 Meter vom „Selbmann-Haus“ entfernt gelebt … allerdings ca. 65 Jahre später. In meiner Kindheit spielte Karl May trotzdem kaum eine Rolle, da er in der DDR zu der damaligen Zeit verpönt war. Erst als ich mit meiner Familie 1982 nach Nordrhein-Westphalen übersiedelte, begann ich die bekannten grünen Bände zu lesen. Einige stehen noch immer in meinem Bücherregal. Doch ich hatte sie lange Zeit vergessen, bis eines Tages Thomas Le Blanc zu einer Karl-May-Anthologie aufrief.
Ich hatte schon längere Zeit Kurzgeschichten im Rahmen der Phantastischen Miniaturen der Phantastischen Bibliothek Wetzlar veröffentlicht und wollte natürlich auch etwas zu diesem Band beitragen. Die Karl-May-Anthologie „Auf phantastischen Pfaden“ bewirkte dann, dass ich mich wieder intensiv mit dem Schriftsteller aus meiner Heimat befasste. Für meine zwei Kurzgeschichten, in denen Karl May jeweils als Person vorkommt, habe ich Fiktion und reale Historie gemischt – fast schon so, wie er es selbst gern tat. Doch unsere Geschichten führten zudem noch phantastische Elemente ein.
Meine zwei Stories kamen dann beim Herausgeber so gut an, dass er mich fragte, ob ich auch noch ein bisschen mehr für das Projekt „Karl Mays magischer Orient“ schreiben möchte. Da habe ich natürlich zugesagt und war somit in Band 5 mit der Episode „Die Königin von Saba“ vertreten. Als Autor der Fantasy-Reihe fungierte bis dahin nur Alexander Röder. Durch die Mitarbeit an dem Episodenband konnten drei weitere Autoren ausprobieren, ob es ihnen lag, in der Reihe mitzuwirken. Friedhelm Schneidewind und ich hatten uns schließlich entschlossen auch jeder einen Band zu verfassen.
Es gab dazu einen Fundus von kurzen, etwa je eine halbe Seite umfassende, Exposés. Zuerst konnte ich mich mit dem Nemo-Thema nicht richtig anfreunden und hatte mich für eine andere Geschichte entschieden. Doch die Männer des Teams überredeten mich zum Schreiben des Nemo-Bandes, da ich dort auch meinen technischen Background unterbringen konnte, denn ich habe Luft- und Raumfahrttechnik studiert … Raumfahrttechnik – da ist der Gedankensprung nicht weit zu „Reise zum Mond“, also zu Jules Verne. Natürlich bin ich ein großer Fan von Jules Verne. Er war schließlich einer der Begründer der Science Fiction Literatur. Ich kenne die Gängigsten seiner Werke, habe aber als Vorbereitung noch einmal einige quergelesen, besonders „20.000 Meilen unter dem Meer“ und „Reise zum Mittelpunk der Erde“.
Diese beiden Schriftsteller zu kombinieren und im Rahmen des „Magischen Orients“ einige ihrer fiktiven Charaktere aufeinander treffen zu lassen, machte mir schließlich mächtigen Spaß. Zumal wir in unserem Universum Kara Ben Nemsi als (am Anfang mehr und später etwas weniger) magieskeptisch darstellen. Zum Einen ist er bei uns, wie auch bei Karl May, sehr wissenschaftsbegeistert und technikversiert. Zum Anderen hat er in den vorangegangenen Bänden schon einiges an Magie erlebt und kann deren Vorhandensein nicht mehr wirklich leugnen. Trotzdem versucht er stets die Dinge zuerst auf rationale wissenschaftliche Art zu erklären. In Band 5 sagt er zum Schluss meiner Episode zu Halef: „… es mag sein, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir nicht wiegen, messen, erklären können – oder zumindest noch nicht –, und … solange das nicht der Fall ist, magst du es meinetwegen Magie nennen.“ Ich finde, das charakterisiert den Kara Ben Nemsi unseres „Magischen Orients“ sehr gut.
Im Gegensatz zu ihm glauben Halef und sein Freund der Magier Haschim uneingeschränkt an Magie. Kapitän Nemo dagegen glaubt überhaupt nicht daran. Für ihn gibt es nur die Naturwissenschaften und die daraus entwickelten Techniken. Kara Ben Nemsi ist sozusagen das Bindeglied zwischen diesen beiden Welten und fühlt sich dadurch hin und her gerissen. Zudem ist er sehr neugierig und möchte natürlich gern mehr von den vielen technischen Errungenschaften wissen, die Nemo ihm so ganz nebenbei immer wieder präsentiert. Zum Anderen setzt ihn Nemo dadurch unter Druck sich zwischen den phantastischen Techniken und seiner Freunde und der Freiheit entscheiden zu müssen.
Kapitän Nemo ist zwar der Antagonist in dem Band, doch ich sehe ihn nicht als den undifferenzierten Bösewicht. Er ist ein ambivalenter Charakter. Eigentlich möchte er Kara Ben Nemsi gern als Partner oder gar Freund gewinnen, denn er sieht eine verwandte Seele in ihm. Andererseits ist er so von Rachegefühlen zerfressen, dass …
Mmm, ich will jetzt nicht zu viel spoilern. Doch ich möchte noch gern anmerken, dass der Band „Der Herrscher der Tiefe“ sich zwar um Kapitän Nemo gegen Kara Ben Nemsi dreht und – mit einem Augenzwinkern – auch um Karl May gegen Jules Verne, aber der Roman hat noch viel mehr zu bieten. Denn Nemo tritt erst in der zweiten Hälfte der Geschichte auf. In der ersten Hälfte ist es jedoch nicht weniger spannend. Die Autoren des „magischen Orients“ sind sehr auf historische und geografische Genauigkeit bezüglich der Zeit (zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts) bemüht. Und dies machte auch die meiste Recherchearbeit aus. Denn auch Karl May – obwohl oft als Lügenbaron abgetan – hat nach den Möglichkeiten seiner Zeit recherchiert, was sich meist in Reiseerzählungen oder Atlanten erschöpfte. Da hatte ich es natürlich mit GoogleEarth, Wikipedia und YouTube viel leichter mir z.B. ein Bild von der Landschaft Kretas zu machen, von geschichtlichen Hintergründen oder neuesten technischen Entwicklungen. Faszinierend fand ich, dass die Wissenschaftler der damaligen Zeit schon einiges „erfunden“ hatten, was heute als neuste Technologie dargestellt wird. Da fällt mir jetzt spontan die Brennstoffzelle ein.
Aber, ich schweife ab. Da hat wohl Kara Ben Nemsi auf mich abgefärbt. Ich wollte den ersten Teil des Buches hervorheben, in dem es Abenteuer auf Kreta im Kontext des politischen Tauziehens zwischen Britischem Empire und Osmanischem Reich für unsere Helden zu bestehen gilt, in dem faszinierende Fabelwesen ihren Auftritt haben und auch hier und da Anspielungen auf andere Werke Jules Verne zu finden sein werden.
Zum Schluss möchte ich noch kurz auf die Frage, die sicherlich einigen auf der Seele brennt, eingehen: „Wie konnte ich mich als Frau in Kara Ben Nemsi versetzen?“
Das ist ganz leicht zu beantworten: So, wie sich jeder Schriftsteller oder jede Schriftstellerin in seine oder ihre Charaktere hineinversetzt. Wenn man schreibt, ist es letztlich egal, ob der Charakter ein anderes Geschlecht hat, als man selbst, oder sogar ein Fabelwesen ist. Sobald ich als Autorin eine Geschichte verfasse, bin ich in den Figuren drin und erlebe alles mit ihnen mit, versuche zu ergründen, wie sich diese Figur in der aktuellen Situation fühlen, was sie sagen oder tun würde, welche Motive sie verfolgt. Dass die Geschichten im „Magischen Orient“ aus der Ich-Perspektive geschrieben sind, hat diesbezüglich keine Auswirkung auf mich gehabt. Das ist nur ein handwerklicher Kniff.
In diesem Sinne wünschen Kara Ben Nemsi und ich viel Vergnügen mit dem magischen Abenteuer „Der Herrscher der Tiefe“.