Leseprobe aus "Vier Tage in der Nacht"


Morgendämmerung

Die Tür wurde aufgestoßen. Der Sturm blies eine Wolke von Schnee herein und der Raum füllte sich mit der kalten Luft. Draußen herrschte die ewige Nacht des nordischen Winters.
    „Tür zu!“, rief Harmsen aus der Ecke des Raumes, wo er gerade mit seinen vier Kumpels an dem großen runden Ahorntisch würfelte.
    Ein großer stämmiger Mann, eingehüllt in einen dicken Fellmantel, trat ein und stieß die Tür mit einem Fuß zu. Das Heulen des Sturms wurde ausgesperrt sowie die Kälte und der Schnee. Der Mann hatte ein Gewehr in der rechten Hand und schob einen anderen Mann vor sich her. Die Männer am Spieltisch und die Frau, die hinter der langen hölzernen Theke die Gläser abtrocknete, starrten unwillkürlich die Eingetretenen an.
    „Los Jackson, nicht so schüchtern!“ Der Mann im Fellmantel stieß den anderen unsanft weiter in den Raum. Für die Jahreszeit war er nur sehr dünn bekleidet, mit einem blauen Anzug, der sofort den Sträfling in ihm erkennen ließ. Seine Schritte wurden durch schwere Ketten gehemmt und die Hände waren mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt. Beide waren mit Schnee bedeckt, der langsam durch die Wärme des Kaminfeuers zu tauen begann und auf die Holzdielen tropfte. Der Mann im Pelzmantel klopfte die dicken Fellstiefel aneinander und befreite sie so von den tauenden Eiskristallen. Er stellte sein Gewehr an den Türrahmen.
    „Guten Abend“, sagte er allgemein in den Raum, ohne jemanden bestimmtes anzusehen und zog sich die Fellmütze vom Kopf. Sein Bart war weiß vom Eis und stand im Kontrast zu den jetzt zum Vorschein kommenden zerzausten braunen Haaren.
    „Wer ist der Chef des Ladens?“
    Die Frau hinter der Theke stellte das Glas, das sie gerade mit dem Geschirrtuch bearbeitete, ab und trat vor den Tresen. Sie hatte langes rotblondes Haar, das in wilden Locken ihr schmales Gesicht einrahmte. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab.
    „Mir gehört das Lokal“, sagte sie.
    „Ach“, antwortete der Mann etwas enttäuscht, „kein Mann im Haus?“
    „Nein, haben Sie damit ein Problem?“ Ihre Augen funkelten den Fremden herausfordernd an.
    „Naja, muss wohl gehen. Gibt ja sonst keine andere Möglichkeit. Sie sagten, der Sheriff wohnt im nächsten Ort, zwanzig Meilen entfernt.“
    „Das stimmt. Hier sind zwanzig Meilen keine Strecke“, antwortete die Frau.
    „Nun, bei einem solchen Blizzard wohl doch.“ Er entblößte seine Zähne. Die Frau nahm an, dass es ein Lächeln darstellen sollte.
    „Was wollen Sie?“, fragte sie etwas ungeduldig und musterte den Gefangenen. Der blickte zu Boden und sah ziemlich erfroren aus. Der schmelzende Schnee saugte sich in den groben Stoff seines Anzugs.
    „Ich muss den hier nach St. Almes bringen, doch die Achse des Wagens ist gebrochen. Ein Mr. Sutherby bot mir an, mich mit dem Hundeschlitten hinzubringen. Doch den…“, er deutete auf seinen Gefangenen, „… kann ich da nicht mitnehmen. Ich hole ein Auto und könnte in drei Tagen wieder hier sein, falls der Schneepflug weiterhin die Straße freihält.“
    „Was?“, fragte die Frau etwas erregt, „wollen Sie den etwa hier lassen? Nein, das kommt gar nicht in Frage!“ Sie ging unwillkürlich einen Schritt zurück, wie um ihren Standpunkt zu verdeutlichen.
    Der Mann im Fellmantel zerrte seinen Gefangenen entschlossen vor einen der dicken Stützpfeiler und drückte ihn zu Boden, so dass er mit dem Rücken am Pfeiler lehnte. Er wehrte sich nicht, ließ alles über sich ergehen. Auch als ihm sein Wächter ein großes Stahlband um den Hals legte, mit einem Schloss sicherte und ihn damit an den Pfeiler kettete, wie ein Raubtier, verzog er keine Miene.
    „Sind Sie verrückt? Was machen Sie da?“, schrie die Frau den Fellmantel an.
    „Es gibt keine andere Lösung, ich muss mich beeilen. Sutherby wartet schon mit den Hunden.“ Der Mann hatte seinen Entschluss gefasst und beabsichtigte nicht davon abzuweichen.
    „Aber was soll ich mit ihm machen? Was ist, wenn er mal... ein Bedürfnis hat?“, fragte sie erregt.
    Der Fellmantel eilte schon der Tür zu. „Nur drei Tage, ich verspreche es. Füttern Sie ihn nicht zu gut und kippen Sie ihm einfach einen Eimer Wasser über den Kopf. Das reicht schon.“
    Er meinte es ernst. Zog die Mütze über die Ohren. Sie war außer sich. Konnte nicht glauben, was hier vorging, hielt ihn am Ärmel zurück.
    „Das können Sie nicht machen, das ist ein Mensch!“
    Der Fellmantel riss sich unwirsch los und griff nach seinem Gewehr.
    „Nein, Ma´am, das ist ein Lebenslänglicher, kein Mensch. Jetzt nicht mehr.“ Er öffnete die Tür und der Raum füllte sich wieder mit dem Getöse des Blizzards. Er verschwand im Schneetreiben und der Dunkelheit. Hunde bellten ungeduldig. Ein paar vereinzelte Lichter der Siedlung drangen durch das Schneetreiben, wie Irrlichter in einem finsteren Moor. Sie stand an der offenen Tür und starrte ihm ungläubig nach. Als sie mit der schweren Holztür den Schneesturm wieder aussperrte, hoffte sie, dass es nur ein Traum war. Doch als sie sich umdrehte, saß da der Mann an den Pfeiler gekettet, wie ein Tier im Zoo.

...

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